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07.07.2010 - Hebammen und Kliniken regelrecht "im Würgegriff"
Kommt das Aus für die altbewährte Hebamme? Seit Monaten weist der Hebammenverband Krankenkassen und Politik darauf hin, dass durch die steigenden Haftpflichtprämien – bei stagnierenden Einnahmen – verstärkt freiberuflich tätige Hebammen aus der Geburtshilfe gedrängt werden. Eine Petition wurde verfasst. Über 100 000 Unterschriften, darunter auch aus dem Landkreis Nordsachsen, gingen dazu ein. Nun hat sich der Petitionsausschuss des Bundestages damit am 29. Juni befasst. Doch eine Entscheidung steht aus!
War es früher selbstverständlich, dass eine Hebamme neben Vorsorge und Wochenbettbetreuung auch Geburten begleitet hat, so ist deren Anteil parallel zum Anstieg der Haftpflichtprämien drastisch gesunken. Von den freiberuflichen Hebammen sind gerade noch 23 Prozent mit Geburten als Beleghebamme, im Geburtshaus oder zu Hause, tätig, obwohl es einen anhaltenden Trend gibt, Stellen für angestellte Hebammen in Kliniken abzubauen und stattdessen ins Belegsystem umzuwandeln. Seit dem 1. Juli 2010 erreichen die Haftpflichtprämien der Hebammen eine Höhe, die befürchten lässt, dass die Versorgung der Frauen nicht mehr flächendeckend sichergestellt werden kann. Den massiven Prämiensteigerungen stehen Gebühren gegenüber, die ohnehin inakzeptabel niedrig sind. Für die Betreuung einer Geburt, inklusive acht Stunden vor der Geburt und drei Stunden danach, bekommt die Hebamme 237 Euro für eine Geburt im Krankenhaus, 445 Euro für eine Geburt im Geburtshaus und 537 Euro für eine Hausgeburt.
Bei einer Rundumbetreuung, mit Vorsorge, Kursen, Geburt, Wochenbett und Stillzeit, betreut eine klinisch tätige Hebamme circa 30 Frauen im Jahr, außerklinisch etwa 10 Frauen. Bei allen reichen nun die Einnahmen aus der Geburtshilfe gerade mal zur Deckung des neuen Versicherungsbeitrages von 3689 Euro. Auch ohne Geburtshilfe ist es um die Einkommen der freiberuflichen Hebammen nicht rosig bestellt. Für einen Hausbesuch im Wochenbett erhält die Hebamme 26,52 Euro. Nach Abzug aller Kosten bleiben davon durchschnittlich 7,50 Euro.
Durch diese Schieflage zwischen Einkommen und Ausgaben ist die Existenz vieler Hebammen akut gefährdet!
Deshalb hatte der Deutsche Hebammenverband große Hoffnungen in die Verhandlungen mit den Krankenkassen über den Ausgleich der Haftpflichtprämienerhöhung gesetzt. Diese Verhandlungen wurden am 29. März für gescheitert erklärt. „Der Grund für das Scheitern“, so Martina Klenk, die Präsidentin des Hebammenverbandes, „sind die Spitzenverbände der Krankenkassen, die nicht bereit sind, die Vergütung für Hebammenleistungen auf ein Niveau anzuheben, das der hohen Verantwortung des Hebammenberufes gerecht wird und die massiv gestiegenen Versicherungsprämien kompensieren könnte. Die Schieflage wird zu einem reduzierten Angebot außerklinischer Geburtshilfe und Beleggeburten führen.“ Verschärft wird diese Situation auch dadurch, dass zunehmend wohnortnahe geburtshilfliche Abteilungen an Kliniken aus Rentabilitätsgründen schließen.
„Selbstverständlich machen wir uns alle Sorgen ob dieser unsäglichen Entwicklung. Die Haftpflicht-Problematik der Hebammen ist sicher nur der Anfang. Die Schadensfall-Prämien bei geburtshilflichen Urteilen sind insgesamt in den letzten Monaten ungekannt hoch ausgefallen, sodass man eine Amerikanisierung der Rechtssprechung auf diesem Gebiet befürchten muss“ äußerte Dr. Eike Simon, Chefarzt der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe am Kreiskrankenhaus Torgau. Befürchten deshalb, weil dies zu einer klaren Verschlechterung der Versorgungssituation führen wird, wie sie die USA schon seit Jahren beklagen! Jeder Träger wird künftig gezwungen sein zu prüfen, ob er sich noch leisten kann, sich gegen die Risiken, welche der Geburtshilfe natürlicherweise innewohnen, zu versichern.
„Für unser Krankenhaus kann ich sagen, dass wir derzeit dabei sind, mit den Beleghebammen unseres Kreißsaals eine für beide Seiten tragfähige Lösung zu finden. Oberstes Ziel ist es, die Versorgung der werdenden Mütter auf höchstem Niveau und in der Geborgenheit einer modernen stationären geburtshilflichen Fachabteilung aufrechtzuerhalten. Ich als Leiter der Abteilung, die Geschäftsführung unseres Hauses und die beteiligten Hebammen haben alle das gleiche Interesse daran und werden eine Lösung finden. Auf keinen Fall lassen wir die Hebammen mit der ihnen aufgezwungenen materiellen Bürde allein. Dies ginge auf Kosten der zu betreuenden Schwangeren, was wir nicht zulassen werden. Keine ,unserer‘ Hebammen wird aufgrund dieser Entwicklung ihre Tätigkeit aufgeben müssen. Es gibt also zumindest für unseren Versorgungsbereich keine akute Bedrohung“, so Dr. Simon. In anderen Regionen des Landes sieht dies bei einem wirtschaftlich schwächeren Fundament vieler Einrichtungen schon sehr viel prekärer aus.
