Dr. Tonja Weber schaut in der Ambulanz nach einer Patientin im Schockraum, die gerade eingeliefert wurde. Foto: Silke Kasten
Torgau. Bekanntlich wird die Zentrale Notaufnahme (ZNA) derzeit komplett umgebaut und erweitert. Kurz vor dem nun beginnenden Umzug von Teilen der ZNA in die neuen Räumlichkeiten hat die neue Chefin das Ruder übernommen: Dr. Tonja Weber, die knapp 25 Jahre Erfahrung aus den Unikliniken Leipzig und Halle mitbringt, hat Anfang März ihren Dienst in Torgau begonnen. Und sie ist voll des Lobes: „Das ist ein sehr nettes, familiäres Team. Es macht Freude, hier zu arbeiten.“
Obwohl sie seit Langem in der Großstadt lebt und in Großkliniken gearbeitet hat, ist ihr die ländliche Welt nicht fremd. Tonja Weber wuchs in der 1400-Seelen-Gemeinde Ötzingen im Westerwald (Rheinland-Pfalz) auf. Weder Vater noch Mutter waren Mediziner – doch schon früh interessierte sie sich für das Metier. „Ich wollte schon immer Ärztin werden“, sagt sie. „Das lag daran, dass ich mich schon immer um andere kümmern wollte. Und vielleicht auch daran, dass ich einen tollen Hausarzt hatte.“
1994 begann sie in Leipzig mit dem Medizinstudium, das noch ganz im Zeichen der Nach-Wende-Transformation stand. „Es gab damals auch in der Universitätsmedizin viele personelle und technische Umwälzungen“, erzählt sie. „Und zugleich wurde die Stadt immer bunter. Es war spannend, das alles mitzuerleben.“
Während des Studiums absolvierte sie zwei Auslandsjahre an der Partner-Uni in Bari (Italien) und in Madison (Wisconsin/USA), wo sie studierte, forschte und ihre Doktorarbeit schrieb. Anschließend absolvierte die Medizinerin, die fünf Sprachen fließend spricht, von 2002 bis 2012 eine Facharztausbildung im Bereich Allgemeine Chirurgie an der Uniklinik in Leipzig.
Dass dies so lange dauerte, hat mit ihrem Privatleben zu tun: Denn in dieser Zeit brachte die verheiratete Medizinerin drei Kinder zur Welt, die inzwischen 16, 18 und 20 Jahre alt sind. Ab 2012 arbeitete sie als Fachärztin für Chirurgie an der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Plastische Chirurgie der Universität Leipzig.
In der Folge schloss Weber weitere Qualifikationen an, unter anderem in den Bereichen Spezielle Unfallchirurgie (2012-2017), Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen (2021) sowie Klinische Akut- und Notfallmedizin (2023). Zuletzt arbeitete sie ab 2020 an der Uniklinik in Halle in der Zentralen Notaufnahme als Oberärztin, verantwortlich für den orthopädisch-unfallchirurgischen Bereich sowie Organisation und Ausbildung. Vor allem Letzteres begeistert sie neben der Arbeit am Patienten.
Weniger Freude hatte sie am Pendeln. „Eigentlich wollte ich das nicht mehr“, erzählt die Ärztin, die ihren Lebensmittelpunkt schon lange in Leipzig hat. Aber ihr einstiger Studien- und Berufskollege Dr. med. habil. Jan-Sven Jarvers, Leiter der Chirurgie mit Unfallchirurgie, Traumatologie und Orthopädie am Torgauer Krankenhaus, machte ihr die Vorzüge von Torgau schmackhaft. Nach mehreren Hospitationen war sie schließlich bereit für den beruflichen Neustart an der Elbe – und pendelt nun in die entgegengesetzte Richtung.
Das lohne sich. „In dieser Klinik gibt es einen sehr freundlichen, respektvollen Umgang miteinander und ein sehr motiviertes Team“, lobt sie. „Der Patient steht als Mensch im Mittelpunkt, und es ist weniger anonym als in der Großstadt. Das gefällt mir.“
In der Torgauer ZNA werden pro Jahr etwa 10.152 Notfallpatienten (2025: 10.152) behandelt, davon etwa die Hälfte im Bereich Chirurgie und 30 Prozent im Bereich Innere Medizin. Dabei handelt es sich um Fälle, die meist von der Rettungsstelle oder vom Hausarzt zugewiesen werden – etwa nach Unfällen, Stürzen, mit Herz-Kreislauf-Problemen, Schlaganfällen oder anderen Symptomen. In der Ambulanz wird dann entschieden, ob die Patienten in der Torgauer Klinik behandelt werden können, an eine andere Einrichtung überwiesen werden müssen oder ob ein niedergelassener Kollege weiterhelfen kann.
„Neu wird ab Januar 2027 eine Beobachtungsstation mit mindestens sechs Betten sein“, kündigt Weber an. Dort werden Patienten bei unklarem Befund, etwa Verdacht auf ein Schädel-Hirn-Trauma, bis zu 24 Stunden überwacht – bevor entschieden wird, wie es weiter geht.
Zu ihren Kernaufgaben gehört es, den Betrieb der ZNA zu organisieren und zu entscheiden, wie und wo den Notfallpatienten am besten geholfen werden kann. „Ich werde auch kleinere Eingriffe vornehmen“, so Weber. „Aber in der Regel operieren die Kollegen aus der Chirurgie, sofern erforderlich.“ Aus beiden Bereichen sind rund um die Uhr Ärzte vor Ort.
Und kommt es in Torgau ähnlich oft wie in Leipzig vor, dass Menschen die Notfallambulanz aufsuchen, obwohl sie bei einem niedergelassenen Kollegen eigentlich besser aufgehoben wären? „Die Überlastung des Notfallsystems ist eher ein Problem in den Großstädten“, weiß Weber.
Allerdings sei im Zuge der Reform des Gesundheitssystems zu erwarten, dass es bundesweit zu Neuerungen kommt. So sieht das Konzept der Integrierten Notfallzentren (INZ) vor, dass es vor jeder Behandlung eine Ersteinschätzung gibt, auch mithilfe digitaler Verfahren. Ziel: Es soll schnell entschieden werden, ob die Behandlung besser von einem niedergelassenen Arzt oder im Krankenhaus geleistet werden sollte. Weber begrüßt dies: „Das wird dazu führen, dass wir mehr Zeit für tatsächliche Notfälle haben.“ Im Neubau der ZNA sei man jedenfalls für solch neue Strukturen gerüstet.
Und was macht die engagierte Ärztin, wenn sie nicht im Dienste der akut Erkrankten und Verunfallten unterwegs ist? Dann legt sie keineswegs die Füße hoch, sondern gibt gerne noch einmal Vollgas – etwa beim Tanztraining, beim Inlineskaten, Skifahren oder Tennisspielen. Auch Kultur und Konzerte (von Pop über Jazz bis Klassik) sowie Reisen stehen bei ihr hoch im Kurs.
Quellenangabe: Torgauer Zeitung vom 04.05.2026, Seite 7